Meno Shine Now- Annunziatas Geschichte

Persönliche Geschichten der Nowshine Leserinnen über ihre Wechseljahre. 

Herzlichen Dank an Annunziata von @perihub_de, dass ich ihre Wechseljahres-Geschichte hier veröffentlichen darf!

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Zu Jahresbeginn 2022 ging bei mir nichts mehr. Schluss, aus, Ende!

Aus mir nicht erklärlichen Gründen wurde ich über Wochen und Monate mehrmals täglich von heftigen Wein-Attacken übermannt.

Diese „Episoden“, wie ich sie nannte, schüttelten meinen Körper jedes Mal derart durch, dass sie mich ähnlich wie physische Anstrengung in vollkommener Erschöpfung zurückließen. Das Ganze wurde begleitet von einer Reihe körperlicher Symptome. Zum Beispiel kündigte sich jede Episode vorab durch starkes Aufstoßen an. Mir war bis zur Ohnmacht schwindlig und übel. Zudem schmerzte mein gesamter Körper – eine Mischung aus Gliederschmerzen und Muskelkater, so als sei ich am Tag zuvor auf einer sehr langen Wanderung gewesen, woran natürlich gar nicht zu denken war.

Den Tiefpunkt erreichte mein Zustand, als auf einem der Spaziergänge, auf die ich trotz Proteste meines Umfelds bestand, das Berliner Kopfsteinpflaster und die Häuser um mich herum begannen, auf mich einzufallen. So als sei ich ohne mein Zutun Teil einer optischen Täuschung, ähnlich derer, die ich in den 90er Jahren in der „Das magische Auge“-Reihe kennengelernt hatte. Scary!

Spätestens nach dieser wirklich psychotisch anmutenden Erfahrung war klar: Irgendetwas stimmt hier nicht.

Ich, die ich mich sehr über Leistung und meinen starken Unabhängigkeitsdrang identifiziere, musste mir eingestehen, dass ich nicht mehr in der Lage war, mich um mich selbst zu kümmern. Selbst kleine Aufgaben, wie das Schmieren eines Butterbrotes, wurden aufgrund meiner Symptome und der bleiernen Fatigue, die ich verspürte, zu Mammutaufgaben, die ich zu großen Teilen nicht mehr allein bewältigen konnte. Notgedrungen verbrachte ich über 2 Monate in Gästezimmern und auf Schlafsofas von Geschwistern und Freundinnen, die sich glücklicherweise rührend um mich kümmerten. Ich bin ihnen allen bis heute unglaublich dankbar.

Was für mich das Schlimmste war. All die Dinge, die mir bisher geholfen hatten, mein recht intensives Leben möglichst entspannt und stressfrei zu gestalten, funktionierten nicht mehr.

Es begann eine nicht enden wollende Odyssee von Arzttermin zu Arzttermin

Ob Yoga, intensiver Sport oder Meditation, all diese Dinge verschlimmerten meine Symptome, anstelle sie zu verbessern. Selbst Lesen, eine meiner Lieblingsbeschäftigungen zum Runterkommen, war nicht mehr drin. Sprich, von heute auf morgen war da wirklich null Selbstwirksamkeit mehr. Egal was ich tat, es ging mir schlecht. Das zu akzeptieren, war für mich mit das Schwierigste. Null Einfluss auf das eigene Wohlbefinden zu haben, war für mich als Kontrolletti einfach undenkbar.

Es begann eine nicht enden wollende Odyssee von Arzttermin zu Arzttermin: Hausarzt 1, zweite Meinung von Hausärztin 2, drei Gynäkologinnen, mehrere Heilpraktiker. Nach einem zwischenzeitlichen Verdacht auf Multiple Sklerose und einem MRT-Scan, der mich in meiner Verfassung noch mehr an den Rande eines Nervenzusammenbruchs brachte, erhielt ich am Ende von einer sehr bemühten Psychiaterin die Diagnose „Mittelschwere Depression“ und begann, Antidepressiva zu nehmen. Auch wenn ich heute weiß, dass die Diagnose falsch war, halfen mir die „Mittelchen“, wie ich sie nannte, meinen Alltag, wenn auch nur mit einem unglaublichen täglichen Kraftakt, wieder allein zu meistern.

Was mich nicht losließ, war die Aussage aller Ärzte und Ärztinnen, sowie meiner zum Glück schnell gefundenen Therapeutin, mein Fall sei sehr „untypisch“. Denn ja, es war offensichtlich, wie schlecht es mir ging und wie sehr mich diese Erfahrung auch in meinem Grundverständnis über mich selbst erschüttert hatte. Gleichzeitig entsprach mein Verhalten alles in allem überhaupt nicht dem einer „klassischen“ Depressiven.

Was macht mich so traurig?

Denn, wie gesagt, die Traurigkeit kam in Schüben. Es gab immer wieder Stunden, manchmal auch Tage, in denen ich mich (bis auf die Furcht vor der nächsten Episode) richtig gut fühlte, Blödsinn machen oder ein gutes Essen genießen konnte. Von einem grauen Schleier, der sich über mein ganzes Leben legte, war keine Rede. Untypisch für eine Depression. 

Auch empfand ich die Traurigkeit weniger als einen Teil von mir, sondern vielmehr als einen externen Virus, der über mich kam und mir mein wahres Ich raubte. Meine Frage war nicht, „Warum bin ich so traurig?“, sondern „Was macht mich so traurig?“. Untypisch. 
Anders als Menschen, die unter Depressionen leiden, zog ich mich auch nicht zurück. Klar, große Menschenmassen waren in meinem Zustand nichts für mich, aber grundsätzlich ging es mir viel besser, wenn ich unter Freunden und Freundinnen war, deren Nähe ich auch aktiv suchte. Untypisch. 

Außerdem bewahrte ich mir, egal wie schlecht es mir ging, immer ein Fünkchen Zuversicht und Unternehmenslust. Nur so ist es zu erklären, dass ich trotz der düsteren Aussichten während dieser Zeit eine Wohnung kaufte oder auch angesichts täglicher Schwindel- und Ohnmachtsanfälle sowie Weinepisoden, eine Zugreise zu einem seit langem geplanten Hotelaufenthalt allein antrat. Mein Credo war: „Ich lasse mir doch von dieser verdammten Krankheit nicht so einmalige Gelegenheiten versauen.“ Auch wollte ich meinen neuen Job unbedingt antreten. Wieder, untypisch.

Schon recht früh hatte ich gegenüber Ärztinnen und Ärzten meinen Verdacht geäußert, es könne sich um „etwas Hormonelles“ handeln

Dieses „untypisch“, gepaart mit der Sicherheit tief in mir drin, dass die Mittelchen zwar halfen, aber eben nur die Symptome, nicht die Ursache meiner Krankheit verringerten, waren der Grund dafür, dass ich mich weiterhin auf der Suche nach einer finalen, für mich sinnvollen Diagnose machte.

Schon recht früh hatte ich gegenüber Ärztinnen und Ärzten meinen Verdacht geäußert, es könne sich um „etwas Hormonelles“ handeln. Hintergrund dieser Theorie war, dass ich (Zyklustracker sei Dank) zunächst beobachtete, dass die Episoden kurz vor meiner Periode besonders schlimm wurden, und später erkannte, dass meine Symptome auch zum Zeitpunkt meines Eisprungs die Tendenz hatten, stärker zu werden.

Für die Wechseljahre sei ich zu jung und überhaupt verschreibe man hier keine Hormone

Selten habe ich so etwas Frustrierendes erlebt, wie Ärztinnen und Ärzte mit dieser „Selbst-Diagnose“ zu konfrontieren. Ich wurde als emotional, als zu jung und als unwissend abgetan. Selbst wenn mein Verdacht als richtig anerkannt wurde, wurden mir immer wieder falsche Behandlungsmethoden angeboten (von der Pille bis zum homöopathischen Kügelchen war alles dabei). Ich erinnere mich noch, wie ich nach einem von mir beinahe schon euphorisch erwarteten Termin in einer auf Frauengesundheit spezialisierten Berliner Klinik, die auf ihrer Website ihre Expertise für „Depressionen in den Wechseljahren“ anpries, weinend auf einer Bank im Klinikgarten saß. Die Ärztin hatte mir mitgeteilt, ich solle mich mit meiner Depression abfinden und weiter Antidepressiva nehmen. Für die Wechseljahre sei ich zu jung und überhaupt verschreibe man hier keine Hormone.

Nachdem ich zum ersten Mal Famenita eingenommen hatte, fühlte ich mich zum ersten Mal seit acht Monaten nicht nur wieder wie ich selbst, sondern auch um 15 Jahre jünger

In meiner Not rief ich schließlich (im Nachhinein viel zu spät) meinen Onkel an. Er ist Gynäkologe und riet mir am Telefon ohne Bluttest und großes Tamtam, es einfach einmal mit Progesteron zu versuchen. Bingo! Am Morgen, nachdem ich zum ersten Mal Famenita eingenommen hatte, wachte ich auf und fühlte mich zum ersten Mal seit acht Monaten nicht nur wieder wie ich selbst, sondern auch um 15 Jahre jünger.

Es dauerte dann noch weitere vier Monate und die ein oder andere Arztrechnung, bis ich in Berlin eine (private) Ärztin fand, die meine Therapie vor Ort begleitete und mir zudem Östrogen und Testosteron verschrieb. Seitdem hatte ich nicht einen Tag, an dem mein Energielevel unter 80% lag. Game Changer!

Obwohl der Beginn der Perimenopause für mich die wirklich schlimmste Zeit meines bisherigen Lebens war, möchte und kann ich diesen Artikel mit einem positiven Fazit beenden. Durch die Hormonersatztherapie empfinde ich diese Phase als durchaus aufregend und spannend. Ich beobachte, wie viel gelassener ich werde, habe gelernt, noch besser auf meinen Körper zu hören und auch einfach mal innezuhalten und Pausen zu machen. So viele Alltagsprobleme relativieren sich mit dem Älterwerden, und ich genieße jeden Tag, an dem es mir gut geht, in vollen Zügen.

PS.: Als es mir so schlecht ging, sagte ich immer wieder, dass ich eine solche Erfahrung nicht einmal meinen ärgsten Feinden wünschen würde. Auf Instagram spreche ich deswegen unter @perihub_de über meine Geschichte, kläre über die Wechseljahre auf und versuche, den ein oder anderen „Peri-Mythos“ zu korrigieren. Damit es Euch und anderen Frauen nicht so geht wie mir.

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Und HIER findest du alle Blogartikel zu den Wechseljahren

3 Kommentare

  1. Ines
    9. November 2023 / 1:36 pm

    Vielen Dank fürs teilen. Bin gerade auf einer ähnlichen Reise und suche den passenden Arzt oder Ärztin. Ist schon erstaunlich, wie wenige Ärzte sich damit auskennen….

  2. Heike
    9. November 2023 / 5:06 pm

    Vielen Dank, Annunziata, dass Du uns an Deiner Geschichte teilhaben lässt.
    Ich habe vor 6 Jahren eine ähnliche erlebt, die zunächst damit endete, dass ich mit der Diagnose „schwere Depression“ in einer psychatrischem Klinik landete. Die Frage, ob es etwas mit den Hormonen zu tun haben könnte, wurde sowohl direkt von den Ärzten der Klinik als auch von meinem, aus der Klinik zu Rate gezogenen, Gynäkologen verneint. Selbstverständlich ohne jemals einen Hormonstatus ermittelt zu haben. Dank Antidepressiva und einer tollen Therapeutin ging es mir Gott sei Dank bald besser und meine Medikamente konnte ich relativ schnell absetzen. Durch meinen „verhaltens-therapeutischen Werkzeugkoffer“ kam ich die nächsten Jahre gut zurecht, aber richtig gut geht es mir erst wieder seit ich vor 2 Jahren mit einer HET begonnen haben. Hätte ich damals schon gewusst, was ich heute weiß, wäre mir einiges erspart geblieben.
    Ich wünsche Dir alles Liebe
    Heike

  3. Ute
    17. November 2023 / 5:32 pm

    Ich bin Dir so dankbar für diesen wertvollen Bericht! „Was macht mich so traurig“ war auch meine Frage. Ich habe über 5 Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass meine Hormone völlig verrückt spielen. Von der Diagnose Hashimoto über Sklerodermie, Burnout, Depression usw. habe ich alles hinter mir. Ich musste beruflich und privat kürzer treten und dabei war ich immer eine Duracell, voller Lebensfreude und Energie. Jetzt endlich habe ich eine Ärztin (Frau Dr. Eberhard), die hier bei Nowshine zu Gast war, gefunden. Allein die erste Sprechstunde mit ihr, war ein so großes AHA Erlebnis. Sie ist kompetent, strukturiert und sehr einfühlsam und ich merke die ersten Fortschritte und dass die Energie zurückkommt. Dein Bericht hat mir so viel Zuversicht gegeben!

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