Breath in, Breath out – Yoga am Ende der Welt

Als ich in aller Früh aufwachte, war die Sonne schon aufgegangen, man sah sie aber nicht. Dicke Wolken tauchten die sehr karge Natur rund um unsere Wohnung in ein unfreundliches Licht. Ich hörte, wie der starke Wind geräuschvoll durch alle Schlüssellöcher und unter den Türen unserer Wohnung pfiff und heulte, die Wolken konnte er aber nicht auflösen. Was soll‘s. Ich trank einen koffeinfreien Espresso und machte mich auf zum Yoga.

Das Yoga sollte auf der Dachterrasse eines Lokals stattfinden, welches Smoothie- und Açai Bowls, Avocado Toasts und lauter anderes gesundes Food servierte, während man seine Wäsche in eine der Waschmaschinen dort waschen konnte. Modernes Essen, Yoga und saubere Wäsche, ich liebte das Konzept.

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Als ich dort ankam, stand ich bei 18 Grad, die sich wie 12 anfühlten, ziemlich einsam und bibbernd vor geschlossener Tür, an der ein Zettel mit der Nachricht „We‘re taking some time off, have a great time!“ hing. Schade Leute, heute gibt’s kein Yoga. Have trotzdem a great time. Aber was nun?

Ehrlich gesagt war ich ein bisschen froh, meine Matte und mich nicht auf der Dachterrasse den Elementen aussetzen zu müssen.

Sollte ich wieder in die Wohnung fahren und einfach arbeiten?

Eine leuchtende Glühbirne erschien mit einem Mal neben meinem Kopf, denn ich wusste, wo man hier am gefühlten Ende der Welt noch Yoga machen konnte. Vor einigen Jahren machten wir hier Urlaub in einem kleinen Boutiquehotel, unweit des geschlossenen „have a good time!“ Lokals. In diesem Hotel erlebte ich einen der schönsten Zweisamkeitsurlaube mit meinem Mann und wir begannen jeden Tag mit 1,5 Stunden Yoga.

Damals wurden die Yogastunden von einer jungen Frau mit einer guten Seele, ganz abrasierten Haaren und italienischem Akzent abgehalten. Sie liebte den Mond genauso wie ich, gab lauter Weisheiten von sich, stellte uns beim Savasana manchmal je eine singing Bowl auf die Stirn, ging herum und ließ sie vibrieren.

Ich fuhr in Richtung Hotel.

Dort sagte man mir, dass die Yogastunde soeben angefangen hätte und dirigierte mich zur Dachterrasse. Ich schlüpfte auf Zehenspitzen in den Raum und da war sie wieder, die junge Frau mit dem italienischen Akzent. Ihr Haare waren jetzt schulterlang und sie begrüßte mich mit einem langen Blick und einem Nicken. Und ich sie auch. Moon Babes united.

In dieser Stunde lehrte sie uns unter anderem, dass wir unser Leben nicht kontrollieren können.

Sie sagte, wir sollen unsere großen Zehen nach oben ziehen und die übrigen vier Kleinen nach unten. Niemand konnte es, sie lachte und sagte, seht ihr, wenn wir schon unsere Zehen nicht kontrollieren können, wieso versuchen wir immer wieder, unser Leben zu kontrollieren?! Sie erinnerte uns außerdem daran, nicht flach in den Brustraum zu atmen, sondern tief in den unteren Bauch und so den Atem in Richtung Herz zu lenken.

Während der Stunde, die in einem an eine große Terrasse angrenzendem Raum stattfand, schaute ich durch die großen offenen Terrassentüren auf die Wolken, die sich über dem Atlantik verzogen. Pünktlich zum Ende der Stunde schien die Sonne. Zeitweise fühlte ich mich, als wäre ich in einer Zeitschleife gefangen, denn alle meine Sinne waren schon mal hier gewesen, in diesem Raum über dem Wasser.

Dort hörte ich wieder den Atlantik, die Möwen und Giulia‘s ruhige Stimme.

Ich roch den Raum, die salzige Luft und einen ganz leichten Duft von getoastetem Brot, der vom Frühstücksraum zu uns emporstieg. Ich sah den Atlantik, den kleinen Hafen und bis hin zum Horizont und hatte im Savasana das Gefühl, selber entscheiden zu können, in welchem Jahr ich meine Augen wieder aufmache. War ich noch im Liebesurlaub mit meinem Mann? Oder wollte ich zurück in unser Homeoffice in der Wohnung, die wir für 5 Wochen gemietet haben? Außerdem wollte ich kurz wegen, ach einfach allem, weinen.

Wegen den üblichen Glücksgefühlen, die sich nach dem Yoga einstellen, wegen der manchmal echt blöden Stimmen aus der WG der Stimmen in meinem Kopf, weil ich manchmal meinen Kopf und mein Herz verliere und lange danach suche, weil ich meinen Bauch mehr lieb haben möchte, aber vor allem, weil ich an diesem grauen Morgen, ohne mit der Wimper zu zucken und groß nachzudenken, mit dem Flow gegangen bin.

Außerdem fühlte ich mich, wie Giulia uns versprochen hat: Calmer, healthier, kinder.

Sag das mal mit italienischem Akzent, das hat Charme!

Während der Stunde sagte sie oft „Breath in, Breath out“ und es hörte sich an wie „Bread in, Bread out“ und ich musste an den Toaster im Frühstücksraum denken und das getoastete Brot, das ich riechen konnte. Ich hatte trotz viel Brot-Yoga keinen Hunger. Ich kam mir aber vor wie dieser Toaster in den man das Bread reinsteckte und getoastet wieder rausholte.

Nur frisches Brot bitte, kein verschimmeltes oder bereits angebissenes und nur welches, das in die Schlitze passt. Das frische Brot röste ich dann leicht und gleichmäßig. Ich toaste es nicht zu Tode, ich lasse es nicht anbrennen und ich ziehe mir kein bereits getoastetes Brot rein.

Habe meine Yogastunde und Savasana mit allen Sinnen genossen.

Zum Frühstück ass ich – ich weiß auch nicht warum – getoastetes Brot. Ha ha.

Und morgen gehe ich wieder zum Yoga, noch mehr Breath in, Breath out üben.

Shine now in kindness,

Doro

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2 Kommentare

  1. Müller, Simone
    29. Juli 2021 / 8:08 am

    Liebe Doro, sehr schöner Text. Einen schönen Urlaub noch. Ich gehe heute Nachmittag auch zum Yoga und werd an die Worte von Dir denken. Liebe Grüße Simone

  2. Anna
    31. Juli 2021 / 8:08 am

    Wunderschön! Einfach nur wunderschön.

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