Manchmal wünschte ich, jemand anderes müsste es eine Woche mit dir aushalten

Mit dem Titel zitiere ich meinen Mann und schreibe heute über unsere Beziehung und Ehe. Über Liebe, den Alltag, wie sich alles entwickelt hat.

Liebe ist wie die See – tief, meistens harmonisch, mal ruhig, mal rau und manchmal tobt sie wild. Sie hat nicht viel mit der Liebe aus Songs und Filmen zu tun.

Ich mag sie so messy wie sie ist.

Vor ein paar Tagen standen mein Mann und ich in unserer viel zu kleinen Küche und kochten. Ich war so kurz davor, eine Flasche Wein aufzumachen und einen großen Schluck zur Beruhigung zu trinken, so sehr nervte er mich, weil er mir ständig im Weg stand.


Vibes kann man nicht leugnen, er merkte, dass ich geladen war und sagte:

„Manchmal wünschte ich, jemand anders müsste es mal eine Woche lang mit dir aushalten.“ 

Wir lachten und neckten uns weiter, aber der Spruch blieb in meinem Kopf hängen.

Bin ich eine Ehefrau, mit der man es „aushält“?
Und wenn ja: War ich schon immer so? Oder ist es der natürliche Lauf der Dinge, wenn man über 20 Jahre zusammen ist und zwei Kinder bekommen hat? Kommt man, wenn der Partner zum Beispiel gesehen hat, wie du ein Kind aus deiner Vagina drückst, auf eine andere Ebene? Oder passiert das schon bei der Eheschließung? Ring am Finger, in guten und in schlechten Zeiten, also kannst du jetzt auch die Bitch in mir kennenlernen?


Oder liegt es am Alltag, der die Schmetterlinge im Bauch verscheucht hat? Und an manchen Tagen auch einen großen Teil der Sexualhormone.

Kochen, Bügeln, Wäsche waschen. Die Aufregung, die ich beim Kochen fühlte, als wir gerade 1 Monat lang verliebt waren, ist lange weg. Zur gleichen Zeit habe ich es sogar geliebt, seine Wäsche zu bügeln. Und mein einziger Wunsch war, jede Nacht neben ihm zu schlafen. Jetzt schlafe ich seit 20 Jahren neben ihm. Die Male ausgenommen, wo ich lieber auf dem Sofa geschlafen habe, weil wir uns gestritten haben und ich es nicht in seiner Energiewolke ausgehalten habe. Oder er rüber ging, wegen mir.

Früher waren die Streitereien für uns ein Weltuntergang, ich mag sie heute immer noch nicht, aber sie belasten mich nicht mehr. Auch wenn ich schon mal überlege wie es wäre, eine Zeitlang allein zu leben.

Und doch möchte ich es nicht. Wie so oft sind wir mehr in die Vorstellung von etwas verliebt, die Wirklichkeit ist meist nicht so bunt und sexy wie wir sie uns im Kopf ausmalen. Ich möchte nicht ohne ihn sein. Auch wenn wir keine so aufregenden Date-Nights mehr wie früher haben und auch wenn wir nicht mehr täglich übereinander herfallen. Manchmal kommt er früher von der Arbeit und ich möchte wie in einem Loriot Film rufen:

„Was machst DU denn hier?“
„Ich wohne hier!“
„Aber doch nicht um diese Zeit!

Wenn es hart auf hart kommt, wissen wir, was zu tun ist, auch im Lockdown. Statt Paris oder Barcelona gibt es Spaziergänge im Wald oder ein Picknick am Fluss. Zweisamkeit, 1,5 Stunden ohne Alltag. Weil dieser manchmal eben nicht von Blümchen und Herzchen bestimmt wird, sondern von dem Emoticon mit den nach oben gerollten Augen.

Ich kenne ein Pärchen, das bei jedem Streit Zweifel bekommt, dass die Beziehung nicht stimmt. In ihrer Welt darf es keine negativen Gefühle dem anderen gegenüber geben, wenn sie da sind, zweifeln sie an ihrer Liebe. In diesen Phasen sind sie frustriert, enttäuscht und beschuldigen den anderen. Sie sperren sich selbst in einen Käfig aus Erwartungen und Dogmen.

Eigentlich war der Spruch in der Küche Liebe, auch wenn er wie eine Beleidigung klang. Hätte er den Satz in den ersten Jahren zu mir gesagt, wäre ich heulend zu meiner Freundin gefahren. Eine andere Beziehung wäre vielleicht irgendwann gescheitert.

Aber damals, vor 20 Jahren, hätte er es eben nicht zu mir gesagt. Denn ich habe alles „richtig“ gemacht. Ich wollte gefallen und machte es deshalb vielen Menschen recht und am liebsten ihm. Verzeiht, ich war jung und wusste es nicht besser. Heute bin ich so wie ich bin und eben manchmal genervt. Er mag mich nicht immer, aber ich kann ich sein, ohne dass er es persönlich nimmt. Das Gleiche gilt auch umgekehrt. Kann das Liebe sein?

Also. Im Zweifelsfall:

Shine now, head off, heart on,

Doro

4 Kommentare

  1. Kerstin
    24. April 2021 / 3:47 pm

    Danke für den ehrlichen Text. Danach habe ich mich besser gefühlt, da ich nun weiß, dass es anderen Ehefrauen genauso geht -… beruhigend 😊

    • Dorota
      Autor
      25. April 2021 / 8:50 pm

      Meine Intention ist stets, andern zu zeigen, dass sie nicht allein sind 💛 Sending Love!

  2. Catrin
    26. April 2021 / 9:05 am

    … aber doch nicht um diese Zeit…. I feel it so much

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