Serenity

Diesen Dezember übe ich mich wieder in Besinnlichkeit. Ich glaube sogar mehr als in den letzten Jahren. Mir ist nach mehr Gelassenheit (ein Synonym zu Besinnlichkeit) und mehr Intuition. Und mehr Selbstvertrauen. 

Alles verschiedene Dinge, die doch zusammenhängen.

An manchen Tagen ist meine Zündschnur leider immer noch relativ kurz und ich springe auch mal aus der Fassung. Dabei wäre ich gerne die Frau, die alles mit Humor wuppt und niemals eine Tür knallt. Bin ich aber nicht. Das mit dem Humor klappt immer besser wie gestern beim Zahnarzt, als ich fragte, was ein Zahnbleaching-Kit für zu Hause dort kostet. Die Ärztin sagte, es wären 450€ und ich sagte ohne mit der Wimper zu zucken, zur Freude der Ärztin und meiner eigenen Belustigung „Das ist ja total günstig!“

Aber jedes Mal, wenn in mir Atombomben hochgehen, stehe ich wieder am Anfang. Und knalle doch mit der Tür. Manchmal nur mit einer Tür in meinem Kopf, aber immerhin. Ich wäre einfach gern gechillter.

Dabei entspanne ich mich regelmäßig mit Sex und mit Yoga sowieso. Ich werde älter und ich habe immer noch nicht dieses Fadenlifting machen lassen!

Und ich werde es auch nicht tun, nachdem ich recherchiert und herausgefunden habe, dass man zwei Wochen nachdem der Faden eingesetzt wurde, nicht aus vollem Herzen lachen darf. Weil der Faden reißen könnte und dann kommt er dir durch die Haut hinten am Ohr oder so wieder raus und waaaaas dann?

Und ich würde bestimmt lachen. Denn siehe oben, ich will mein Leben doch mit mehr Humor leben und dabei darf man einfach keine Angst haben, dass einem der Faden reißt.

Jetzt würdigt es doch bitte entsprechend, dass ich wenigstens mit meinen sinkenden Kinnkonturen gechillt umgehen kann.

Ich trinke auch wieder Alkohol, auch wenn ich viel weniger davon brauche als früher, um diesen schönen, entspannten und fast schon meditativen Zustand zu erreichen. 

Meine Freundin sagte letztens, als ich nach einem kleinen Glas Wein leider kurz davor war, vom Stuhl zu kippen „Mann, du bist echt selber schuld! Du musst öfter was trinken!“ – soweit ist es schon, dass ich zu Alkohol eine Pizza verdrücken muss – aber trotzdem bin ich dann nicht immer die gechillte Gelassenheit.

In meinem Kopf geht es oft zu wie in einer Großküche. Ich koche ständig einen leckeren Eintopf, welcher manchmal sehr lange vor sich hin köchelt. Gedankeneintopf statt Gelassenheit eben.

Wie kann man denn aber auch gechillt bleiben, wenn ständig das Handy Nachrichten, Kommentare und Mails ankündigt? Früher kam der Postbote ein Mal am Tag und manchmal schaffte es ein Brief, mich für mehrere Tage aus der Fassung zu bringen. Und heute lasse ich mir völlig ungehindert und im Minutentakt Post bringen. 

Das Thema andere Meinungen und Kritik hatten wir ja schon vor einigen Wochen. Ich kann momentan mein Gehirn auf Callcenter schalten, hier rein und da wieder raus, aber es war und ist ein langes Training. Deshalb: weniger Callcenter durch mehr Flugmodus. Ich glaube, dass ein lockerer Umgang mit Kritikern mit der steigenden Gelassenheit durch Selbstvertrauen kommt. Nur eben schleichend. Irgendwie wie so alles im Leben, nicht wahr? Und morgen kann das alles auch wieder ganz anders aussehen… denn wir wissen ja, dass alles einem Wandel unterworfen ist.

Manchmal freue ich mich, andere Meinungen zu hören. Allem voran von meiner Familie und Freunden. Ich liebe es fast schon. Ja, doch. Sogar Kritik höre ich mir von ihnen fast schon gerne an. Mit so viel mehr Gelassenheit und auch mehr Selbstvertrauen als noch vor einigen Jahren. Ich höre es mir an und dann… höre ich einfach auf meine Intuition. 

Seht ihr, die Gelassenheit, das Selbstvertrauen und die Intuition hängen gern gechillt zusammen ab. 

Manchmal (erst gestern wieder) ballern mir fremde Menschen (bei Instagram) ihre Weltsicht ungefragt an den Kopf. Als einigermaßen öffentliche Person muss man damit umgehen können, dass Kritiker und andere Meinungen da sind. Und es ist gut, dass sie da sind. Ich will keine neutralen Texte schreiben, auch wenn ich immer noch ungern anecke. Das scheint so ein altes Verhaltensmuster von mir zu sein. Aber wenn mein Selbstvertrauen gut verankert ist, wird zwar die Gelassenheit kurz gestört, aber sie kommt schnell und gechillter denn je wieder. 

Elisabeth Gilbert gab in ihrem Buch Big Magic den Tipp, kreativ zu sein und das kreative Ergebnis dann loszulassen. Was andere mit meinen Texten, meinen Bildern oder sogar mit meiner Outfitinspiration machen, wie andere meine Arbeit aufnehmen, wie sie sie sehen: Nicht meine Baustelle, da kannst du eben nichts machen. Das, was ein anderer denkt, ist manchmal ein schönes und manchmal eben kein schönes (Weihnachts) Geschenk.

Eigentlich ein geiler Tipp, anfangs jedoch schwerer umzusetzen als gedacht. Den Tipp kann man auf alles anwenden. Sogar auf das, was wir sagen. Manchmal kommt auch das Gesagte ganz anders an, als wir es gemeint haben und schon fühlt sich jemand getriggert auf den Schlips getreten und du hast keine Ahnung, wo das Gewitter plötzlich herkommt. Woher kommt wohl der Satz „So habe ich es doch gar nicht gemeint!“. Wir verteidigen und erklären uns, anstatt wie Liz Gilbert vorschlägt, loszulassen. Versucht es mal, dafür muss man zwar echt Eier haben, aber die Eier wachsen mit dem Selbstvertrauen.

Und Eier sind in diesem Fall nur ein anderes Wort für Gelassenheit.

Was meine Gelassenheit noch kurz stört? Letztens bekam ich eine Mail, in der eine Firma schrieb: „Du hilfst auf deinem Blog älteren Frauen, jünger auszusehen…“. Ich starrte den Bildschirm an. So sieht man mich? Uns? Ich möchte nicht jünger aussehen und auch niemandem dabei „helfen“. Aber da siehste mal, so sehen mich andere. 

Oder meinte die (ich schätze mal jetzt etwas bewertend) junge Frau das, was sie da geschrieben hat, etwa ganz anders? Und ich habe den Eintopf, der in meinem Kopf kocht, in ihre Zeilen reininterpretiert? Vielleicht, weil das jugendliche Aussehen immer noch ein Trigger für viele Frauen ist. Für mich etwa auch? Okee, darüber muss ich nachdenken. Und das ganz ohne das blöde Fadenlifting.

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Ich habe mich übrigens noch nie jünger geschwindelt. Nur älter. Als ich ein Teenie war, habe ich mich mindestens ein Mal in der Woche älter gemacht. In meinem Videotheken-Ausweis war ich 18, obwohl ich von der 18 noch weit entfernt war. Aber ich wollte Filme wie „Flashdance“ und „Susan… verzweifelt gesucht“ ausleihen und um das zu tun, musste ich 18 sein.

Ich meine, ich hatte damals wirklich gute Gründe, mich älter zu machen. Aber warum sollte man sich jünger machen wollen, darin sehe ich echt keinen Vorteil. Entweder sieht man so alt aus, wie man ist oder eben nicht.

Wenn ich überlege, wie unreif ich in meinen 20ern und 30ern war und wie reif (haha immer öfter!) ich heute bin, dann will ich mich einfach ganz gelassen noch älter schwindeln. Ich kann es kaum erwarten, dass ich noch mehr innere Ruhe und Selbstvertrauen vorweisen kann und noch mehr auf die Weisheit meines dritten Auges setze. Dann werde ich bestimmt noch weniger Türen knallen und einfach pures Selbstvertrauen ausstrahlen. Hach. 

Hoffentlich haben sie bis dahin eine Alternative zum Fadenlifting gefunden, sonst wird das wohl nichts mit der Gelassenheit. 

Aber heute genieße ich die Tatsache, dass ich sogar im Dezember gelassen bleiben kann. Auch wenn ich noch keinen Baum habe, noch kein Plätzchen gebacken habe und bei Weitem nicht alle Geschenke gekauft sind. Das klappt von Jahr zu Jahr besser, ich chille und chille. 

Und kann mich an Zeiten erinnern, als ich das Wort noch nicht mal kannte. Ich war mit einem jungen Mann aus den USA zusammen, es waren die 90er, ich war sehr unruhig, dafür hatte ich ganz viel Selbstvertrauen. Und er sagte ständig: I´m chillin´…Chillin´?

Niemand von meinen Freunden kannte das Wort. Ich schlug es im Langenscheidt nach.

Ja Leute, ich musste „chillen“ im Wörterbuch suchen. So fremd war es mir. Es stand damals übrigens noch nicht drin.

Manchmal kommen richtig gute Sachen aus den USA.

Ich versuche weiterhin diesen Dezember gelassen zu bleiben und mich auf meine Intuition zu verlassen. Sie wird mir den Weg von jeder Tür, die ich sonst knallen könnte, weisen. 

Und darin möchte ich noch besser werden, nicht jünger, nur besser. 

Shine now and chose serenity,

Doro

3 Kommentare

  1. Claudia
    15. Dezember 2020 / 7:55 pm

    Doro….Danke. Jedes Wort trifft mal wieder den Nagel auf den Kopf.
    Da sitzt jeder Buchstabe! Der Text ist wiedr soooo „professionell“ – Und „obwohl“ es so perfekt geschrieben ist – ist auch wieder Mal das „Gefühl“, das „Weiche“ und das „Lustige“ nicht zu kurz gekommen
    Danke

    Ganz liebe Grüße Claudia

    • Dorota
      Autor
      15. Dezember 2020 / 8:43 pm

      Wow haha, ich sehe meine Texte ja gaaaaanz anders 😂 deshalb: ein dickes Danke!

  2. 17. Dezember 2020 / 10:14 pm

    Sehr schön geschrieben, Dorota. Gechillt zu leben kann ich auch nicht. Ich finde, im Gegensatz, dass Viele viel zu viele ernsthafte Sachen nicht ernsthaft genug nehmen. Aber das meinst Du ja nicht, ich weiß… Trotzdem würde ich gerne grane, ob Du das total günstige Zahnbleaching-Kit mitgenommen hast. 🙂 Viele Grüße und wir sehen uns auf Instagram! 🙂 Pia

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