Momentaufnahme einer Liebe und Ehe III

Letzten Donnerstag wachte ich wie üblich früh auf, kochte für uns alle Haferflocken, brachte wie immer morgens kaum einen klaren Gedanken zustande und trotzdem war der Tag besonders. An diesem Tag vor 18 Jahren hatte ich mein erstes Date mit diesem Typen, der in Anzügen sexy aussieht, Schallplatten sammelt und sich am liebsten auf einem Brett stehend durch das Leben fortbewegt, Skateboard, Snowboard, Wakeboard oder Wellenreiter. Bevor mein Mann an diesem Tag zur Arbeit fuhr, nahm er mich in den Arm und erinnerte mich daran, was vor 18 Jahren war, denn wie gesagt, klare Gedanken habe ich erst gegen acht.

Ich sagte etwas bescheuertes wie „Wow, zieh dir das mal rein, wir sind länger zusammen, als Luke alt ist“ aber er mag mich auch, wenn es erst 7.15 Uhr ist. Ich liebe diesen Mann zurück, auch wenn ich manchmal hinter seinem Rücken mit den Augen rolle und alle vorwarne, ihn nicht auf seine Schallplatten anzusprechen (er ist da sehr into it/ bei unserem zweiten Date wollte er mir bei sich Zuhause Platten vorspielen und ich dachte, das wäre so ein Code wie „Briefmarken zeigen“, aber ich schlief irgendwann vor Langeweile auf dem Sofa ein, während er Vocal House auflegte).

Wir haben alle Schattenseiten der Ehe kennengelernt. Ich versichere euch, dass das, was wir durchgemacht haben, die meisten Ehen nicht überleben würden. Manchmal mögen wir nicht nebeneinander schlafen. Dann lassen wir es auch sein und manche Sachen tun wir nur dem anderen zuliebe. Wir haben gelernt, dass diese Ehe nur funktionieren kann, wenn ich mich und er sich liebt. Und wenn wir versuchen, keine Erwartungen an den anderen zu haben. Eine Ehe ist immer in Bewegung und eine Achtsamkeitsübung.

Liebe zwischen „Kannst du den Müll rausbringen“ und „Wir haben keine Zahnpasta mehr“

Ich möchte heute die Email einer Freundin veröffentlichen, die seit Jahren gut für ihre Ehe sorgt. Und manchmal selber auf der Strecke bleibt. Aber ihren Mann wahrscheinlich immer lieben wird. So wie ich. Der erste Post aus der Reihe „Momentaufnahme einer Liebe und Ehe“ hat sie dazu inspiriert, ihre Gefühle aufzuschreiben (hier könnt ihr Teil 1 und Teil 2 nachlesen). Und wenn eine davon auch etwas dazu beisteuern möchte: schreibt mir gerne eine Mail.

Viel Freude beim Lesen!

Liebe Doro, 
oft dauert es bis man realisiert, dass man einen echt guten Menschen an der Seite hat. Egal wie oft ich durch ein Hoch oder Tief bin, mein Mann war immer da. 
War es immer glamourös? Nein. Früh in unserer Beziehung habe ich schon gewusst, dass ich was richtig Gutes in ihm gefunden hatte. Ich wusste es einfach, auch wenn unsere Beziehung oft ein Rollercoaster war. 
Natürlich gab es oft solche Gelegenheiten, wo man Dinge infrage stellte. Die Liebe. Die Hilfsbereitschaft. Bin ich Nummer 1 auf der Prioritätenliste, mit anderen vergleichen was sie an Schmuck, Autos, Urlauben, Blumen etc. (Pralinen mag ich nicht) bekamen. 


Ich merkte allerdings sehr schnell, dass diese Dinge meine Beziehung nicht stärken. Sie sind etwas, dass man nach außen vorzeigen kann. Nicht mehr. Wir haben uns daher nie wirklich mit anderen verglichen und sind unseren Werten treu geblieben. Uns war egal, was die anderen hatten, denn die Zeit bewies, wir machten was richtig. Ich kenne viele Frauen und (Männer) die alles haben: Geld, Diamanten, Autos, sie bekommen alles und sind so, so unglücklich. Wieso? Weil sie mit sich selber nicht zurechtkommen. Viele haben sich scheiden lassen. Viele leiden immer noch darunter, dass sie unzufrieden sind und wissen oft nicht, dass es an ihnen selber liegt. Ihnen fehlt dieses Bewusstsein.


Also leiden sie…. Klar, es gehört etwas Mut dazu, sein Leben vom Partner zu trennen, den Faden durchzuschneiden und alleine weiterzumachen. Für andere hingegen ist es so einfach, alles hinzuschmeißen…nur damit sie später rausfinden – es war ein Fehler. Eine meiner besten Freundinnen bereut heute, sich getrennt zu haben. Ich leide mit ihr. Aber sie ist daran auch sehr gewachsen.


Auch ich bin in 20 Jahren Ehe gewachsen.

Ich bin nicht mehr das junge Ding, mit dem man nur Spaß haben kann. Ich bin komplexer und reifer geworden, hinterfrage mich und oft seine Absichten, ja sogar unsere gemeinsamen in unserem verrücken Leben. Aber ich bin auch sicherer in meiner Person und in unserer Ehe als jemals zuvor. Es war bisher wundervoll. Ein Traum wirklich, mit kleinen Tiefs aber meist Hochs. Bis vor 2 Jahren war alles immer Bestens, dann kam ein großer Umzug. Ich war sehr unzufrieden und unglücklich. Ich war traurig, bitter, nachtragend, gemein, ich hatte solche Schmerzen. 


Und nun kommt das Wundervollste

Mein Mann liebte mich durch alles hindurch. Er stand an meiner Seite. Oft hilflos, wenn ich explodierte und schrie und nicht mehr konnte vor Trauer, er litt mit mir oft mit. Und er ist immer noch da… er verzeiht mir Dinge, die ich sage in meiner Trauer oder Wut. Ich habe viel von ihm gelernt darüber, dass Wechsel und Veränderungen in unserem Leben ok sind. Dass man daran wachsen kann (aber auch zerbrechen – oft habe ich mich so gefühlt, als ob ich in Scherben zerspringe). Auch ich habe ihm zugehört in seiner Trauer und Zweifeln, in Wut und Ratlosigkeit zur Seite gestanden. Immer.


Während ich mich nie von ihm trennte – auch wenn ich es oft aus verschiedenen Gründen hätte tun können, habe ich nie klein bei gegeben und dabei viel gelernt. 
Ich habe mich verändert in all den Jahren. Ich bin eine Frau geworden, ich weiß was ich will (meistens) und gebe definitiv nicht klein bei. In den letzten zwei Jahren meines Lebens habe ich viel, viel gelernt – über ihn, uns, aber insbesondere mich. Es ist immer noch oft Sturm in meinem Kopf und Herzen und in meiner Seele auch, aber es hat wohl alles einen Sinn im Endeffekt. Wenn er bei mir ist. 


Ob wir bis zum Ende unserer Tage zusammen bleiben weiß ich auch nicht.

Glücklich bin ich immer noch nicht jeden Tag, aber hey, wer ist das schon? Ich weiß allerdings, dass ich auf ihn und seine Liebe zählen kann.

Und das ist ein schönes Gefühl. Daher danke, mein Mann, dass Du in mir so etwas Wertvolles siehst und mich trotz allem, was ich manchmal tue und sage, immer noch liebst… Auch Du bist sehr wertvoll für mich. 

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10 Kommentare

  1. Manuela Kleiser
    31. März 2019 / 8:55 am

    Bin so berührt von eueren zwei Aussagen! Einfach nur schön wenn man das nach so langer Zeit sagen kann …..und so einen Menschen gefunden hat. Und euere Partner können ebenso froh und stolz sein, so starke und verständnisvolle Frauen an ihrer Seite zu haben. LG Ela

  2. Tina
    31. März 2019 / 11:13 am

    Wow, passt grade so sehr in mein Leben. So wie sie schreibt.
    Habe Gänsehaut beim Lesen und so wahre Worte und bestärken mich an uns zu glauben.
    Danke für den wundervollen Text. Tina

  3. Claudia
    31. März 2019 / 11:40 am

    Wunderschön! Mutig, berührend

  4. Anna
    31. März 2019 / 12:44 pm

    Wow, ein Herz für euch (als wären wir hier auf Instagram). 😉 Eine Ehe ist immer in Bewegung – genau das ist es. Ich hab’s ja letzte Woche erst verbloggt (Zsa Zsa Zsu und so) und ich muss gestehen, dass ich den „Wert meiner Ehe“ erst so richtig erkannte und zu schätzen gewusst habe, als mir bewusst wurde, das zuckersüße Filme eben das sind: zuckersüße Filme und beste Unterhaltung…. aber kein realistisches Abbild einer Beziehung. Und als ich genau hingeschaut habe, hat es mich wirklich beführt… wie tief wir zwischenzeitlich gefallen waren… und doch haben wir uns jedes Mal wieder aufgerappelt… bis zum nächsten Sturz. In den letzten 25 Jahren (OMG.. tatsächlich ein Vierteljahrhundert!^^) gab es schon einige Momente, in denen wohl keiner mehr einen Cent auf unsere Beziehung gesetzt hätte, nicht mal ich. Wir sind beide unheimlich dickköpfig, ich bin manchmal ein Mörderhitzkopf, er hat auch seine Spleens, über die man eine Sitcom drehen könnte. Und obwohl wir uns manchmal am liebsten schütteln würden, wissen wir doch ganz genau, was wir am anderen haben. Und das weiß ich wirklich. Der Mann ist Gold wert. Und das sage ich ihm auch immer mal wieder. Freut ihn sehr. ;))

    • Dorota
      Autor
      31. März 2019 / 1:01 pm

      Haha „er hat auch seine Spleens, über die man eine Sitcom drehen könnte“
      Manchmal fühle ich mich mit meinem Mann wie bei Loriot 😅
      Liebste Grüße!

  5. 31. März 2019 / 1:09 pm

    Und weißt du, was für mich eines der Geheimnisse einer guten Beziehung ist? Dass man die Spleens des anderen auch nach Jahren noch mit einem Augenzwinkern betrachten kann. Tatsächlich hätte ich gestern vor dem Frühstück auf allen Vieren durchs Bad rutschen müssen (gemeinsam mit meinem Mann, der einen echten Ordnunsfimmel hat), um einen „komischen Geruch ausfindig zu machen. Hallo? VOR dem Frühstück? Und vor allem: VOR dem ersten Kaffee? Das kann tödlich enden…^^ Ich habe die Situation türenknallend verlassen… und dann Tränen gelacht, weil ich mir genau DAS in einer Sitcom vorgestellt habe. Wir hatten ein schönes und friedliches Frühstück. 😉

    Wie auch immer: Ich hab’s gestern erst anderswo geschrieben, aber ich mag deine Texte so gerne. Und jetzt schreib. Endlich. Dein. Buch. Los. <3

  6. Ela
    1. April 2019 / 12:28 pm

    Liebe Doro,
    sowohl Dein Text als auch der Brief Deiner Freundin sind wunderschön… Mal zum Lachen (wir sind länger zusammen als unser Sohn alt ist!!!!) und am Ende zum Tränen-verdrücken!

    Hach, was ist das schön, wenn man sich und den Lieblingsmensch in so einer Beziehung gefunden hat…
    LG, Ela <3

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