Short tempered be careful

Diesen Post habe ich letztes Jahr geschrieben und hin und her überlegt, ob ich ihn veröffentlichen soll. Aber es ist ein persönlicher Blog hier, also los, sprechen wir über meine Macken. In mir, da sieht es nicht immer perfekt aufgeräumt und gefiltert aus. Über diese Annahme muss ich gerade lachen, denn oh weit gefehlt. Ich bin stark unperfekt und manchmal mag ich mich nicht und noch manchmal halte ich mich für einen schlechten Menschen und dann halte ich mich für noch andere Sachen. Ätzend diese Gedanken, aber haben wir die nicht alle? Wer sie nicht hat, wird mit dem Post nichts anfangen können, allen anderen wünsche ich: enjoy my ride. Meistens bin ich ganz normal.

Noch drei Tage bis Heiligabend und ich überlege. Es regnet schon den ganzen Tag, die Kinder haben Ferien und ich überlege nur. Ich kuschele mit meiner Decke auf meinem Bett, das Laptop auf meinem Schoß und ich überlege. Eine Kanne Karamell-Tee aus Holland neben mir, ich trage ein graues Sweatshirt mit der Aufschrift „Short tempered, be careful“ und überlege, wieso der Spruch zu mir passt. Und warum ich dieses Sweatshirt ständig trage. Ich meine, der Spruch ist doch echt dämlich.

Still here. Ich müsste das Haus putzen und Pakete zur Post bringen, aber… ich überlege. Ich sollte mich schminken und noch schnell ein gutes Buch für Weihnachten in der Bücherei ausleihen aber ich überlege. Ich sollte Geschenkpapier kaufen, aber ich überlege. Ach und die restlichen Einkäufe erledigen aber … ja, still here, ich überlege.

Changes. Ich möchte wissen, ob ich dieses Jahr etwas gelernt habe über mich. Habe ich mich verändert? Es sind so viele Gedanken in meinem Kopf, es fällt mir schwer sie zu ordnen. Was wäre, wenn ich eine andere bin, als ich dachte? Es gibt wenig Menschen, die mich wirklich kennen, manchmal kenne ich mich selber nicht.

Ich bin doch toll. Oder? Ich bin stark. Wenn andere noch um Hilfe bitte, habe ich alles bereits erledigt, ihr Weicheier. Ich bin gern allein, zu viele Menschen dürfen sich in meinem Leben nicht einfinden, das Alleinsein ist mein Zuhause. Ich bin stark, am liebsten mit mir zusammen und ich bitte nicht gerne um Hilfe. Auf mich, auf mich kann ich mich verlassen. Ich bin für andere da. Ich mache das sehr gut, mein Herz ist so groß, da ist für alle Platz. Ich erwarte nichts dafür, ich bin selbstlos.

Unangenehme Stille. Und ich mache Denkfehler. Ich überlege, wann ich anfing, mich für diesen Menschen zu halten, der ich nicht bin. Wann entstand diese starke, selbstlose Frau ohne Erwartungen, die ich nicht bin. Und ich überlege, wann ich mir die Erlaubnis geben werde, die zu sein, die ich bin. Maybe next year?

Die Vergangenheit. Ich wurde verletzt und ich weiß nicht, wie man damit umgeht. Ich weiß, wie man stark ist, aber das…? Mein Herz hat Narben, um die wenigsten habe ich mich je gekümmert. Ich erinnere mich an die Momente, in denen es gebrochen ist. Nimm dich nicht so wichtig, sagte die Stimme in meinem Kopf und ich gab mir die Schuld für jeden Herzschmerz. Ich ließ zu, dass ich enttäuscht wurde, nahm mich nicht wichtig und habe stets verziehen. Dachte ich.

Ich will das nicht. Mehr. Ich wollte nur geliebt werden. Aber meine Güte, wollen wir das nicht alle? Tatsächlich, jeder auf seine Art. Meine Seele sehnte sich nach Liebe und ich verlor mich im „ich möchte gefallen“ und „niemandem zur Last gehen“. Es ist ok, es ist ein Schutz, ich habe prima Strategien entwickelt. Die ich nicht mehr will. Das wurde mir klar, als ich so drei Tage vor Weihnachten überlegte, statt alles andere zu erledigen. Wisst ihr, was auf Enttäuschung, auf ein gebrochenes Herz folgt? Ich traue mich kaum, es auszusprechen.

Oh-oh. Es folgt Wut. Und oh, ich bin so wütend. In mir ist alte, unschöne Wut. Auf die, die mich verletzt haben. Und Wut ist fies und dann ist Wut auch nicht erlaubt. Man sagt, Wut ist böse und eine Charakterschwäche. Man ist nicht wütend, das ist unfein. Short tempernd, be careful. Und jetzt kommt´s, manchmal hasse ich auch. Das fühlt man schon mal gar nicht Mädchen, daraus entstehen Kriege. Vielleicht verurteilst du mich jetzt, kein Ding, das habe ich selber lange Zeit getan.

They will care when you´re gone. Es gibt Menschen in meinem Leben, die mich schon lange begleiten. Ich kann mit ihnen lachen, weinen und ich habe sie sehr lieb. Und dann sagen sie etwas oder ich erinnere mich an etwas, das mal war und dann kommt sie, die Schneekönigin. Und auch wenn ich weiß, dass sie nicht anders konnten, dass sie ihr Bestes gegeben haben, dass sie mich lieben: In all dem Verständnis möchte ich trotzdem nur noch laut „Fuck you“ rufen. Und ich rufe es. Ich mache es mit mir aus, ich rufe „Fuck you“ und andere, schlimmere Wörter, dorthin, wo es weh tut. Ich glaube daran, dass ich mich wieder heil wüten kann. Und hoffe.

Be real. Was das Wichtigste ist, das ich dieses Jahr gelernt habe? Dass ich nicht nur die bin, die ich dachte zu sein. Ich bin auch eine verletzte und wütende Frau. Ich war nur eine Alleingängerin, damit mich niemand verletzte. Ich bat nicht gern andere um Hilfe, stattdessen war ich selber stark und nie bedürftig. Denn Bedürftigkeit ist Verletzlichkeit. Mein Herz brach durch die Sehnsucht nach Liebe und ich lernte, es zu schützten. Ich habe Menschen hinters Licht geführt und irgendwann glaubte ich selber an diese kühle, starke Frau. Aber da ist eine andere und ich sehe sie. Sie ist mutig und will sich nicht mehr ärgern. Wut nimmt einen zu sehr ein. Das lohnt sich nicht.

Emotionen sind wundervoll. Liebe und Hass. Ich hasse manchmal, aber ich liebe mehr. Leid ist ein Teil von Glück. Wenn ich wütend bin, sehne ich mich nach Freude. Freude gehört zu Wut. Ich möchte mich von meinen eigenen Regeln und Zwängen befreien, loslassen und mir erlauben, die zu sein, die ich bin. Verletzlich, bedürftig und offen für alle Gefühle und auch Liebe.

Gesucht: ein Sweatshirt mit dem Spruch „Love yourself, don´t fuck yourself“.

6 Kommentare

  1. Dorothe Lülsdorf
    3. Januar 2019 / 6:30 pm

    Liebe Doro,
    Erst einmal ein riesiges „Danke“ für diesen Seelenstriptease…..ein sehr persönlicher Post, in dem ich mich zu Teilen auch wiedererkenne. Durch die Alkoholsucht meines Vaters habe ich mich immer so verhalten, wie alle es von mir erwarteten, um meiner Mutter ja nicht auch noch Kummer zu machen. Ich hatte keine Chance herauszufinden, wer ich wirklich bin. Das musste ich dann, als ich sehr starke Panikattacken bekam und in Therapie musste. Ein schwerer und schmerzhafter Weg, der mir aber geholfen hat und heute bin ich zufrieden mit mir. Ich wünsche Dir, dass auch Du Deinen Weg findest, Dich kennenzulernen und auch so anzunehmen.
    Fühl Dich gedrückt.

    Ganz liebe Grüße
    Doro

  2. Blackforestgirl
    3. Januar 2019 / 8:26 pm

    Liebe Doro, ich erkenne mich in vielem wieder. Vorallem niemand um Hilfe zu bitten, selbst stark zu sein. Hat mich letztes Jahr eine 2monatige Auszeit vom normalen Leben gekostet. Und ich arbeite daran, jeden Tag…ist oft Schwerstarbeit! Und letztes Jahr hat mich ein männliches Wesen sehr verletzt, auch jetzt über ein halbes Jahr später habe ich noch viel Wut und Hass auf ihn…schwer das ehrlich vor sich selbst zuzugeben. Und um einfach so zu vergeben, bin ich nicht stark genug. Fast täglich muss ich daran arbeiten, wenn ich ihn sehe. BTW…Das Herz und das Ego ist eine miese Gegend! Und wieder einmal Danke für einen so ehrlichen Post❤️. LG Ela

  3. _an.wa_
    3. Januar 2019 / 9:36 pm

    Was für ein wunderbarer Text, Doro. Und auch ich erkenne mich in so vielem wieder (konnte es bloß bisher nie so gut ausdrücken wie Du, dauert wohl noch etwas). Der Post hat mich tief berührt, danke dafür.

  4. Susi
    4. Januar 2019 / 2:00 am

    Schütze Dich weiterhin und pass auf Dich auf!

  5. Anna
    4. Januar 2019 / 12:47 pm

    Ach Doro, ich danke dir für diesen ehrlichen Post. Und dafür, dass du uns nicht nur an deinen 1001 einschüchternd tollen Seiten teilhaben lässt (warum schüchtern sie mich ein? Lässt tief blicken), sondern auch an den anderen, die zutiefst menschlich sind. Was Selbsthass angeht: Same here. Manchmal sogar ziemlich heftig. Leider. Aber mittlerweile hasse ich mich DAFÜR nicht mehr. Ich habe Mitleid mit mir… kurz nachdem der Selbsthass-Anfall vorbei ist. 😉 Und ich arbeite an mir. Babyschrittchen für Babyschrittchen… es wird. Langsam…

    Alles Liebe und ein gutes neues Jahr für dich!

    Anna

  6. Ela
    7. Januar 2019 / 1:18 pm

    Liebe Doro!
    Herzlichen Dank und auch meinen vollen Respekt für diesen seeeehr persönlichen Post! „Ich hasse manchmal, aber ich liebe mehr“… Wunderbar ausgedrückt. Niemand ist wirklich immer nur das Golden Girl… Ohne Downs keine Ups…
    Ein Post zum nochmal und nochmal lesen und drüber nachdenken… Mit einem Sweatshirt und Karamelltee unter der Kuscheldecke…

    LG, Ela

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