Dear Father

Nowshine ü40 Blog - Dear Father

Gestern betrat ich Mitten am Tag eine Kirche. Ich wollte eine Kerze anzünden, für meinen Vater, der letzten Freitag diese Welt verlassen hat. Etwas fremd kam ich mir vor, wie ich an diesem sonnigen Tag in der Kirche nach Kleingeld kramte, um 1 € die Kerze zu bezahlen. Ich kam mir auch fremd vor, weil es mich berührte, wie mickrig diese Kerze war, sie war schmal und kurz und würde nicht lange brennen.

Aber ich wusste, ich bezahlte nicht nur die Kerze, sondern das katholische Ambiente gleich mit. Ich habe für meine Kerze übrigens die schönste Kirche in Wuppertal ausgesucht, ich dachte, das hätte meinem Vater sicher gefallen.

Ich bin ein katholisch erzogenes Mädchen und weiß, wie man sich in einer Kirche zu verhalten hat, auch wenn ich mich mit Sünde, Schuld und was auch man sonst noch dort erzählt, nie anfreunden werde. Aber das ist offensichtlich ein anderes Thema.

Ich bekreuzigte mich beim Reinkommen, senkte meinen Kopf und kniete mich hin, nachdem ich 1 € in den dafür vorgesehenen Schlitz gesteckt habe. Es brannten noch drei andere Kerzen, alle am Rand und nah beieinander. Ich habe meine Kerze nicht bei den anderen platziert, sie genau in die Mitte gesetzt, damit sie sofort auffiel. Seht her, die hier ist für meinen Vater, einen Mann, mit so viel Talent und Potenzial, einen Mann, der sich in dieser Welt verloren hat. Er lebte lange, nicht glücklich, trotzdem hat er mir das Beste gegeben, was er geben konnte.

Vielleicht war er zu intelligent und zu belesen. Vielleicht sah er zu gut aus. Denn oh, sah er gut aus. Er war der eleganteste Mann, den die kleine Dorotka – so nannte er mich – je gesehen hat. Und wie gut er immer roch. Dorotka liebte es, ihn beim Rasieren zu beobachten, da stand sie, neben dem Mann, der ihre Welt bedeutete und er schmierte ihr Rasierschaum ins Gesicht und brachte sie so zum Lachen. Im Herbst sammelte er mit ihr Kastanien und machte ihr Bratkartoffeln in Form von Pommes zum Mittagessen.

Vielleicht war er zu charmant, einige Menschen verbrannten sich an ihm. Vielleicht war er einfach alles zu viel, viel zu viel, sodass er es selber manchmal mit sich nicht aushielt. Denn er war nicht der wundervolle Mann, den ich hier beschreibe, sagen die Menschen, die ihn besser kennen als ich.

Mein Vater war von Beruf Schauspieler. Ein Künstler, ein kreativer Mensch. Manchmal moderierte er Veranstaltungen im kommunistischen Polen. Und da war ich, Mitglied einer Kindertanzgruppe, da stand ich in der ersten Reihe und wollte heute besonders gut tanzen. Er war so stolz, mich anmoderieren zu dürfen und ich? Ich vertanzte mich. Ich war klein, sehr klein aber schon da wußte ich, dass ich besser werden muss. Kinder glauben alles, was sie denken. Ich wurde besser, aber mir selber nie gut genug. Nicht gut genug und ein bisschen pummelig, das war ich.

Das letzte Mal habe ich meinen Vater 1995 gesehen, ich war schlank, roch nach französischem Parfum und trug roten Lippenstift. Diesmal sah ich gut aus, vielleicht zu gut. Es war schön mit ihm, aber sonst war da nicht viel, aber das war ok. Das Gefühl, immer allein zu sein, kannte ich schon lange, es war meine Komfortzone, egal wie viele Menschen es in meinem Leben gab.

Ich war nie einsam, aber das Gefühl, allein zu sein, war da. Bis letzten Freitag. Viele fragen, wie es mir geht, jetzt wo er tot ist und ob ich zur Beerdigung fahren werde.

Ich kann es nicht erklären, wie es mir geht, denn es geht mir gut und eine traurige Beerdigung, die will ich nicht besuchen. Ich habe getrauert, ich habe geweint und tatsächlich einige Male das Wort “Warum” benutzt und jetzt weiß ich, dass er hier ist, bei mir. Er ist in jedem Sonnenstrahl, im flüchtigen Blick fremder Menschen und im glänzenden Braun der Kastanien, die wir diesen Herbst wieder zusammen sammeln werden. Ich fühle seine Nähe, wie ich sie noch nie gefühlt habe, es ist schön, so schön, dass ich manchmal vor Rührung weinen muss. Danke, dass es dich endlich wieder in meinem Leben gibt. 

Aber hey, genug schnulzige Rührseligkeit. Denn ich habe ihm natürlich trotzdem gesagt, dass sein Geist mich nicht erschrecken darf, er weiß doch, dass ich manchmal nachts aufs Klo muss und ich will dann keine seltsamen Zeichen oder Schatten sehen. Trotzdem springe ich jedes mal schnell ins Bett, sicher ist sicher. 


Teilen:

29 Kommentare

  1. Petra Purcell
    11. Oktober 2018 / 8:13 am

    Oh man,dieser Text wird mich erstmal beschäftigen.

    • Dorota
      Autor
      11. Oktober 2018 / 9:47 am

      Ich hoffe, es kommt was Gutes dabei raus ❤️

  2. Doro
    11. Oktober 2018 / 8:15 am

    Liebe Doro,

    auch wenn Du es vielleicht nicht hören möchtest, würde ich Dir gerne mein Beileid aussprechen…anscheinend hat Dein Vater Dir nur glückliche Momente geschenkt als Du klein warst, aber die reichen aus, dass man spürt, dass Du ihn damals sehr geliebt hast. Leider ist das Gefühl mit der Zeit verloren gegangen, trotzdem hat er eine Spur in Deinem Herzen hinterlassen…
    Ich weiß nicht, ob Du Dich erinnerst, ich habe mal kommentiert und dabei preisgegeben, dass mein Vater Alkoholiker und meine Kindheit nicht so einfach war; ich erinnere mich an so viel Hässliches, aber es gab auch schöne Momente, die habe ich Gott sei Dank nicht vergessen. Mein Vater ist bereits 1992 nach langer Krankheit gestorben und es hat mir nicht wehgetan, aber für die schönen Momente bin ich ihm trotzdem dankbar.
    Sei ganz lieb gegrüßt
    Doro

    • Dorota
      Autor
      11. Oktober 2018 / 9:49 am

      Das weiß ich noch, sehr gut sogar ❤️Diese Dankbarkeit fühle ich auch gerade! Liebste Grüße liebe Doro

  3. Ursula
    11. Oktober 2018 / 9:45 am

    Ich kann Dich fühlen, meiner einen Tag früher, vor 3 Jahren, viel zu Früh, aber sein Lebensstil sein Weg, aber er hat uns unglaublich geliebt, und war da, für manche halt nicht, wie es sich “gehört“
    Jetzt müssen wir uns nicht mehr um diesen tollen charmanten Mann sorgen, er ist jetzt immer bei mir, ich spüre seine Liebe, und trotzdem fehlt er uns!
    Für Dich, da kommt kein Schatten, es kommen Schmetterlinge, auch im Oktober <3 Ursula

    • Dorota
      Autor
      11. Oktober 2018 / 9:47 am

      Aaaaah wie schön! Genau liebe Ursula, auf die Schmetterlinge müssen wir achten ❤️

  4. 11. Oktober 2018 / 9:53 am

    Was für ein schöner und berührender Text – der geht echt tief! Ich wünsche dir meinherukuches Beileid und auch nochmal viel Kraft für diese trotzdem sicher schwere Zeit ! Ich hoffe wir sehen uns bald mal wieder ❤️

    • Dorota
      Autor
      11. Oktober 2018 / 10:00 am

      Danke meine Anna, drücke dich fest!

  5. Ela
    11. Oktober 2018 / 10:10 am

    Liebe Doro,

    ein wirklich sehr berührender Text… Weil er einfach aus Deinem Herzen kommt. Das ist es, weshalb ich Deinen Blog so mag: weil er von Herzen kommt. Fühl Dich gedrückt und mach so weiter, wie bisher!
    LG, Ela

    • Dorota
      Autor
      11. Oktober 2018 / 10:13 am

      Da sagst du was liebe Ela, das stimmt!
      Dankeschön!

  6. Nicole
    11. Oktober 2018 / 2:37 pm

    Liebe Doro, sehr gefühlvoll, emotional und echt. Ich mag das. Du hast es wunderbar ausgedrückt: jeder soll lieben, trauern, sich erinnern, wie es für ihn am Besten ist. Ich denke an dich!

  7. Susanne
    11. Oktober 2018 / 4:48 pm

    Das hast du sehr berührend schön geschrieben. Du hast deinenVater lange nicht gesehen, hängt davon jetzt etwas ind der Luft – kannst du so ganz abschließen.
    Alles Liebe für dich.

    Susanne

    • Dorota
      Autor
      11. Oktober 2018 / 6:08 pm

      Wenn du wüsstest, wie schön es sich anfühlt. Danke!

  8. Svenja
    11. Oktober 2018 / 5:26 pm

    Liebe Doro, ich kann Dich so verstehen. Manche Menschen – und gerade ferne Väter – müssen vielleicht erst sterben, damit wir sie nah an uns ranlassen können. Dein Text hat mich sehr berührt und immer wenn Du Deine Leser und damit auch mich so nah an Dich ranlässt, bewegt sich viel. Danke für Deinen Blog. Svenja

    • Dorota
      Autor
      11. Oktober 2018 / 6:07 pm

      Wääääääh jetzt habt ihr mich doch zum Heulen gebracht! Ist das schön hier heute, danke.

  9. 29luckypetra
    11. Oktober 2018 / 8:39 pm

    Ich habe meinen Papa auch so lange nicht gesehen und nun besuche ich ihn seit fast 5 Jahren an seinem Krankenbett und sehe nur noch einen Schatten des Mannes , der er einmal war. Das hat es für mich leichter gemacht zu verzeihen . Das mit dem Alleinsein begleitet mich seit meiner Kindheit , ich fühle mich sehr oft allein aber niemals einsam.

    • Dorota
      Autor
      11. Oktober 2018 / 9:44 pm

      Genau so! Alleinsein ist meine Komfortzone. Und Superpower. Drücke dich!

  10. Pet
    11. Oktober 2018 / 9:29 pm

    Hallo liebe Doro, mein tiefes Beileid wünsche ich Dir. Und plötzlich ist der Tod meines Vaters wieder ganz nah. Dabei sind vier Jahre vergangen. Mir erging es umgedreht. Meine glückliche Zeit mit meinem Vater begann erst mit 38. Davor haben wir uns manchmal wahrscheinlich sogar gehasst. Als ich mit meiner Kindheit Frieden geschlossen hatte und mein Vater durch seine Frührente in meinem Garten arbeiten wollte, haben wir durch viele erst annähernde Gespräche uns richtig kennengelernt. Ich vermisse ihn sehr und kann dein Gefühl der Nähe zu deinem Vater sehr gut nachvollziehen. Wie ein guter Geist. Du hast es so wunderbar geschrieben. Danke für den tiefen Blick in dein Seelchen. Fühle Dich gedrückt. Liebe Grüße Pet

    • Dorota
      Autor
      11. Oktober 2018 / 9:46 pm

      Was für eine schöne Geschichte liebe Pet. Danke dafür! Oh je, ihr seid mega Mädels.

  11. Kathrin
    11. Oktober 2018 / 9:36 pm

    Ach liebe Doro…ich weiß ehrlich gesagt nicht so richtig, was ich Dir schreiben soll…aber ich möchte Dir schreiben, dass es mir für Dich sehr leid tut. Papa ist halt Papa… Ich bin auch katholisch, daher: Da wo er jetzt ist, ist alles gut. Und da wirst Du ihn irgendwann sehen und er wird Dir wieder Rasierschaum ins Gesicht schmieren und Dich zum Lachen bringen. Denn dort gibt es nur schöne Momente. Fühl Dich gedrückt!

  12. Sandra
    11. Oktober 2018 / 9:43 pm

    Liebe Doro,
    fühle dich gedrückt. So nimmst du noch viel intensiver Abschied als wenn du vor dem Grab stehst.
    Ich danke dir, dass du uns auch an diesem Teil deines Lebens teilhaben lässt. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft.
    Alles Liebe für dich
    Sandra

    • Dorota
      Autor
      11. Oktober 2018 / 9:49 pm

      Man könnte sagen, der Blog ist meine Therpie. Ich fühle und fühle und dann schreibe ich alles hier auf und alles ist wieder gut. Danke für deine lieben Worte ❤️

  13. 12. Oktober 2018 / 2:39 pm

    ❤️

    [Mögen unsere Väter da oben sitzen, auf uns anstoßen und eine gute Zeit haben. Meiner wird deinen ein bisschen rumführen, er kennt sich mittlerweile schon ziemlich gut aus da oben und gehört sozusagen zum Inventar.]

  14. milkandhoneyforever
    13. Oktober 2018 / 1:07 am

    Ich bin gerührt und muss weinen..hab ich doch eine ganz ähnliche Geschichte, nur das mein Dad schon 9 Jahre tot ist, nach dem ich ihn vorher 3 Jahre im Wachkoma gepflegt habe. Eine und keine Nähe, Liebe und Vermissen. Alles ist geblieben!!! Und ja…irgendwo da draußen ist immer ein Zeichen.Lieb gedrückt.Susan

  15. 13. Oktober 2018 / 11:24 am

    Mein Beileid.
    Und Trost fand ich auch in Deinem Text. ich vermisse meinen Vater so sehr. Je älter ich werde umso mehr.

  16. 9. November 2018 / 3:07 pm

    Awww, wie traurig 😢 Mein herzliches Beileid. Ich hoffe, dass in diesem Winter noch ganz oft die Sonne scheint, damit Du weißt, dass Dein Dad bei Dir ist

    LG Franny

    • Dorota
      Autor
      9. November 2018 / 8:12 pm

      Fran, bist du es?! Danke Süße, tatsächlich scheint die Sonne ungewöhnlich oft diesen Herbst 😚❤️❤️❤️❤️

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.


Etwas suchen?