Yoga, Selbstmitleid, Spiritualität und radikale Selbstliebe

Yoga, Selbstmitleid, Spiritualität und radikale Selbstliebe - Nowshine Lifestyle Blog ü40

Photo by Fabian Møller on Unsplash

Mit viel Schwung raus aus der Spiritualität. Was ich am Sonntag beim Yoga gelernt habe? Stunden, die auf dem Boden liegend beginnen, machen mich müde. Diese Yogastunde war müde schlimmer, als eine Stunde Spinning. Ich quälte mich da durch und als ich dann endlich gemütlich im Savasana lag und ein Nickerchen machen wollte, war die Stunde zu Ende. Normalerweise bin ich nach einer Stunde Yoga mitten in meiner Mitte, voller Mitgefühl für mich, für alle anderen, dankbar… total erleuchtet eben. Diesmal war ich grantig. Im “Ich hasse alle Menschen” Modus. Nur nicht ansprechen. Null Spiritualität vorhanden.

Bei Instagram sind so viele Menschen “Buddha”, wie ich nach einer schönen Yogastunde. Mitten in ihrer Mitte, voller Mitgefühl und immer dankbar. Wenn ich manchen Kommentar zu meinen Posts/ Bildern lese, dann bin ich fast nur von wundervollen, in sich ruhenden Menschen umgeben. Die ihre Falten und Pigmentflecken lieben, sich absolut so akzeptieren wie sie sind und darauf stehen, wenn sie mit ü40 plötzlich Cellulite entdecken.

Auch ich habe mir vorgenommen, mich weniger zu kritisieren und es klappt auch (fast immer), nur manchmal gehe ich mir kurzzeitig selber auf den Sack.

Ist Spiritualität ein Trend? Sind die anderen wirklich erleuchtet und nur ich bin zurückgeblieben? Also ich und meine Freundinnen. Und die Freundinnen meiner Freundinnen. Meine Nachbarin sucht auch noch ihre Mitte, sie ernährt sich zwar nach Ayurveda, macht Yoga und geht oft allein in den Wald, trotzdem lästert sie gerne über manch anderen Nachbarn. Und so kommt es, dass ich eigentlich wirklich niemanden kenne, der sich und andere immer gut findet.

Trotzdem schön. Das aktuelle Streben nach Perfektion verlagert sich. Äußerlich perfekt zu sein ist last season, heute streben wir danach, innerlich schön zu sein. Wir stehen früh auf, gehen mit Leichtigkeit und ohne Druck durchs Leben, vergeben uns und allen anderen, haben keine Angst vor falschen Entscheidungen und sind immer optimistisch.

Und es klappt! Du meditierst, du bist dankbar. Dankbar für diesen Körper und du weißt, dass du nicht auf dieser Welt bist, um schön oder faltenfrei zu sein. Dankbar für alles, auch die Umstände, die Herausforderungen und alle Lektionen. Denn du weißt, das Leben lehrt dich gerade was. Du weißt, man muss durch Dunkelheit, um Licht zu finden. Du bist also dankbar, voller Liebe und auch mit Falten, Muttermalen, Spliss und Cellulite schön.

Spiritualität nervt. Dann machst du eine müde Yogastunde und hast das Gefühl, als ob dich jemand verarschen würde. Der Nagellack an deinen Zehennägeln blättert schon wieder ab, deine Muskeln wollen kein Chaturanga, du beobachtest deine nackten Oberschenkel im Hund (übrigens eine große Selbstliebe-Prüfung für alle über 40) und außerdem musst du mal Pipi.

Hallo Leben. Du kannst den ganzen healthy spiritual Shit gerade nicht mehr sehen und denkst an früher, als du Yoga mit Volkshochschule in Verbindung brachtest und nicht wußtest wie es ist, in dir zu ruhen. Wohin mit all dem neuen Bewusstsein, wenn du einen schlechten Tag hast? Ein Tief. Gestern warst du noch wunderschön selbstgefällig und hast alle Fremden angelächelt, heute willst du einen Drink (die modern-fröhliche Schmerzvermeidung) und lästern. Dabei wolltest du keinen Alkohol mehr trinken.

Ego, Opfer und Selbstmitleid. Wäääääääh, alle sind schuld und alle sind doof und ich will mich jetzt darin wälzen! Oh es ist so schön, im Drama zu bleiben. Zu meckern, mies drauf zu sein und jedem (innerlich natürlich) einen Mittelfinger zu zeigen. Irgendwie sehr reinigend das Ganze. Es hat so was Erleichterndes, die Verantwortung für sein Leben auch mal auszuschalten.

You decide. 20 Minuten hat mein Drama nach dem Yoga gedauert. In dieser Zeit gingen mehrere Atombomben in mir hoch, aber dann beschloss ich, nicht noch mehr Lebenszeit zu vergeuden. Ich beschloss es nicht dramatisch, es formte sich eine leise Entscheidung. So leise, dass ich es selber kaum mitbekam. Manchmal dauert es länger, aber irgendwie komme ich immer öfter in der radikalen Liebe an.

Klingt wie was Schlimmes, ist es aber nicht!

8 Kommentare

  1. Anka
    6. Juni 2018 / 3:07 pm

    Herrlich! Ich liebe deinen Blog! Deine Beiträge bringen mich wahlweise zum Nachdenken oder zum Schmunzeln. Manchmal auch beides gleichzeitig.
    Herzliche Grüße aus München von Anka (auch ü40)

    • Dorota
      Autor
      6. Juni 2018 / 5:44 pm

      Wie schön ist das denn!!!!! Ich freue mich gerade riesig über deinen Kommentar liebe Anka ❤️

  2. Irene
    7. Juni 2018 / 7:30 pm

    Hallo liebe Doro, ich lese deinen Blog schon sehr lange, ohne zu antworten! Heute kann ich nicht anders! So Hammer!!! Der Lack an den Zehnägeln der abblättert und vor allem die nötige Selbstliebe beim „Hund“ ! Herrlich!!! Und so wahr! Ich mach den nur noch angezogen in meinem Alter! Übrigens siehst du MEGA aus!!! Immer! Liebe Grüße

    • Dorota
      Autor
      7. Juni 2018 / 7:37 pm

      Haha ich liebe deinen Kommentar!
      „ ich lese deinen Blog schon sehr lange, ohne zu antworten! Heute kann ich nicht anders! „
      So Hammer, danke!

  3. 8. Juni 2018 / 6:58 pm

    Liebe Doro,
    dein Beitrag ist mal wieder köstlich, humorvoll und so ehrlich geschrieben. I love it! Das Wort ‘Erleuchtung’ kann ich inzwischen schon nicht mehr lesen (zu lange danach gestrebt), da erscheint bei mir ein ‘TILT’ in den Augen *lach*. Die, die es sind, reden glaube ich gar nicht darüber – sie SIND einfach SO. Wenn ich erleuchtet sein möchte, stehe ich Abends unter die Straßenlaterne. Für mich ist mein ‘genervt sein’ wichtig, solange ich da recht schnell durch die Achtsamkeit wieder herauskomme und am Ende auch über mich selbst lachen kann. Wenn wir das Unschöne nicht mehr hätten, könnten wir das Schöne nicht mehr erkennen – wäre auf Dauer langweilig und wohl auch traurig.

    Alles Liebe, Lill

    • Dorota
      Autor
      8. Juni 2018 / 7:03 pm

      Hahaha, sehr gut!
      Ich glaube, wenn wir erleuchtet wären, dann könnten wir von dieser Welt abtreten, dann gibt’s nix mehr zu lernen. Von daher, gern weiter ärgern.
      Schönes Wochenende

  4. Nicole
    10. Juni 2018 / 1:20 pm

    Ach, Doro, aus dem Blog direkt in den Kopf, Herz. Das mit dem Hund brachte mich zum Lachen und zur Erleuchtung. Geht mir nämlich auch so. Du hast wieder klasse geschrieben- ich liebe deinen Blog! Bitte immer weiter so. Trägt zur Selbstliebe bei , haha

    • Dorota
      Autor
      10. Juni 2018 / 4:09 pm

      Den Hund mache ich nur noch in kurzer Hose… aus Selbstliebe hihi. Liebste Grüße und 1000 Dank!

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