Auch wenn alle Lifecoaches heute Liebe predigen... lasst uns back to Basics einfach mal trauern

Dienstag, 20. Dezember 2016



Wenn ich mir all die Facebook und Instagram Posts und all die Kommentare zu dem gestrigen Vorfall in Berlin durchlese, könnte ich es ebenfalls mit der Angst zu tun bekommen. Wir schreien nach Liebe und Frieden, fühlen sie aber nicht im Innern.
Ja, wir wissen nicht, was Menschen die solchen Hass in sich tragen dass sie sich zu so einer Tat entschließen erlebt haben.

Ich habe vor ein paar Tagen einen Bericht aus einem Krankenhaus in Aleppo gesehen. Kinder, die alles verloren haben, Mütter die ihre Kinder verloren haben. Menschen denen nichts mehr übrig geblieben ist. Ein Junge, der seinen 1 Monat alten toten Bruder in den Armen hielt und nicht loslassen wollte. Oder konnte.
Wir wissen nicht wie es ist, in solchen Umständen aufzuwachsen. Mit ständiger Angst, mit Hass und so viel Leid. Mit der Frage "Warum ich?".

Angst frisst dich auf. Sie raubt dir den Verstand. Menschen in Europa leben nun auch mit Angst.
Angst ist der Teufel. Angst ist das Böse.
Aber ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich reagieren würde, wenn meine Kinder gestern getötet worden wären. Ich glaube nicht, dass ich Liebe fühlen könnte.

Ich werde hier jetzt mal keinen weisen Rat geben und Liebe predigen.
Ich glaube ich müsste mich dann heimlich übergeben. 


Alle Lifecoaches und spirituelle Lehrer und wie sie alle heißen legen nun auf allen Kanälen los und predigen Liebe und Liebe und Liebe. Love over Fear!
Leck mich am Arsch!

Denn so sind wir Menschen nicht. Wir müssen trauern dürfen. Es liest sich schön was sie alle schreiben, aber man darf Hass und Wut, Schmerz und Trauer und Angst nicht einfach wegpacken und zwanghaft Liebe fühlen wollen!

Das ist krank und macht krank.

Alle deine Emotionen müssen willkommen sein. Die Liebe könnte ohne das Böse nicht existieren, wir würden den Unterschied gar nicht kennen!

Ich fühle Hass und Wut und Angst und trotzdem buche ich gerade eine Reise nach Berlin.
Ich habe auf Instagram mein heutiges Outfit gezeigt.
Auch wenn manche bestimmt sagen, wie kannst du nur so oberflächlich sein und deinen Instagram Account bedienen!
Ich mache es, weil ich meine Trauer nicht nach Außen tragen muss. Die sind so, ich bin so. Ich trauere lieber für mich. Im Stillen. Vielleicht im Wald. Vielleicht weine ich auch heimlich. Auf jeden Fall drücke ich meine Kinder ganz fest und möchte Sex mit meinem Mann haben, fühlen dass alle noch da sind.

Ich brauche Instagram und den Blog für die Normalität. Ich muss euch nicht auf die Nase binden, dass ich vielleicht Geld spende. Oder Flüchtlinge unterstütze. Das werde ich wahrscheinlich nie wieder hier erwähnen, also genießt diese sehr ehrlichen Zeilen.


Die Liebe in mir wird wiederkommen, wenn ich oft genug "vielleicht im Wald" geweint habe.
Ich werde den Hass und die Angst mit mir selber ausmachen.
Ich werde auch Mitgefühl für den Täter fühlen können.
Ich werde Hoffnung haben und ich werde sicherlich nicht über unsere schlimme Welt jammern, darüber dass wir alle Flüchtlinge rauswerfen sollten, ich werde keine Angst haben und ganz bestimmt keine Verbitterung fühlen.
Du und Du und Du und ich, ALLE: wir sind tief in unseren Herzen aus Liebe gemacht. Auch wenn wir es gerade nicht fühlen können.
Schwimmt nicht mit dem Strom der Schafe die immer Angst und Hass verbreiten. Sie werfen mentale Bomben. Es ist Bullshit.
Macht es mit euch aus, seid sprachlos, hasst, schreit vielleicht laut in ein Kissen vor Wut oder Verzweiflung, aber sucht spätestens Weihnachten wieder die Liebe in euch.

Sie kommt wieder, lasst sie nicht gehen.

4 Kommentare

  1. Du bist am Besten, wenn du ganz du bist! Denn dann kann jeder sehen, was für eine besondere und tief emotionale Frau du bist.

    Du bist natürlich noch viel mehr. Aber eben auch das.

    Und deshalb liebste Doro, danke ich dir für diesen Artikel. Im Angesichts des Unglücks, das sich umso realer anfühlt je näher es kommt (nicht schön, aber ein Fakt), fühlte ich mich hilflos. Ich hatte keinen emotionalen Weg, der sich richtig für mich anfühlte. Da waren die Liebesprediger, da waren die Rechten und da war meine Tochter, die jeden Tag in Berlin an diesen Platz vorbeifährt und geschockt war.

    Und doch wollte ich keine Banner der Trauer. Wollte keinen Liebespost. Denn das fühlte sich nicht nach mir an.

    Als ich deinen Post las, fühlte ich eine Erleichterung in meinem Herzen. Ja, das ist es, das ist die Form der Anteilnahme, die mich erreicht, berührt und abholt.

    Ich danke dir von ganzem Herzen.

    Deine Claudia

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  2. Liebe Doro, das ist das Beste was ich bisher dazu gelesen habe. Danke dafür und danke, dass du in Worte fasst, was ich fühle, aber nicht ausdrücken kann.

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