Regretting Motherhood: nicht alle Frauen genießen es, Mutter zu sein

Mittwoch, 24. Februar 2016

Meine Freundin schrieb mir letzten Mittwoch Abend eine WhatsApp mit dem Text:
"Stern-TV! Jetzt!"

Ich war gerade damit beschäftigt den Frühstückstisch für den nächsten Tag vorzubereiten, Butterbrotdosen zu spülen usw.
Als ich endlich Stern TV einschalten konnte, war die Sendung vorbei.
Typisch Mutter. Erst die anderen, dann ich. He he von wegen.
Sendungen wie Stern TV mag ich eben nicht besonders, schwere Themen you know.
Da gucke ich lieber "Two and a Half Men".

Am nächsten Tag zog mich das Thema der Sendung jedoch magisch an, es hiess "Regretting Motherhood", also es bereuen, Mutter geworden zu sein.

Die Sendung konnte ich online leider nicht schauen, aber es gibt HIER einen Beitrag zu dem Thema. "Regretting Motherhood" ist der Name einer Studie, es geht um Mütter, die es bereuen, ein Kind bekommen zu haben.
Die Frage "Wenn sie die Zeit zurückdrehen könnten, mit ihrem heutigen Wissen und ihrer Erfahrung, würden sie dann nochmal Mutter werden?" beantworteten die Frauen, um die es bei der Studie geht, mit "Nein".



Das Thema packte mich. Denn ich habe Verständnis für diese Frauen.

Mit dem Thema kamen gleichzeitig Erinnerungen bei mir auf, an die Zeit als meine Kinder noch klein waren.

Fehlende Muttergefühle

Als meine Kinder geboren wurden, hatten wir nicht immer eine schöne Zeit miteinander. Eher eine unschöne. Mir fiel es schwer, nicht mehr das tun zu dürfen, was ich eigentlich wollte, mein Ego loszulassen.

Es gab Zeiten völliger Unterforderung und Langeweile. Sie wechselten sich mit Zeiten völliger Überforderung und Stress ab. 

Ich fühlte mich, als ob es die Doro, die ich vor den Kindern war, plötzlich nicht mehr gab. Dafür gab es nun Menschen, die völlig auf mich angewiesen waren.
Ich mußte lernen wie es ist, meine Wünsche völlig zurückzustecken. Ich konnte das nicht so einfach, nicht so wie die anderen Mütter die ich kannte.
Sie taten es scheinbar gern, ich tat mich schwer.

  Mutterglück? Nie gehört.

Ich erinnere mich an die schlaflosen Nächte, an die Krankheiten und damit verbundenen Sorgen, an Babygeschrei welches Stunden anhalten konnte, an Langeweile im Wechsel mit starker Überforderung. Ich erinnere mich wie oft ich aus Frust auch geweint hab wenn das Baby gerade schlief.
Ich erinnere mich an Einsamkeit, denn alle meine Freundinnen hatten keine Babies. Ich erinnere mich daran, dass ich nie wie die anderen Mütter in den Krabbelkursen war, denn ich wollte eher über etwas anderes reden, als immer über die Babies.



Und mir war es auch völlig egal, ob das Kind schon krabbelt oder läuft. Ich fand es sogar schöner, dass meine Kinder spät angefangen haben sich zu bewegen, so konnte ich sie überall ablegen und schnell Wasser aus dem Keller holen. Sie blieben liegen!
Als ich das in der Krabbelgruppe mal erwähnte, fand das keine lustig. Sie hatten alle eine Competition laufen: höher, schneller, weiter.
In solchen Momenten merkte ich, dass ich anders bin.

Ich fühlte mich so allein. Es gab nur mich und das Baby.

Ich dachte, dass mir anscheinend ein großes Stück vom Mutter-Gen fehlt.
Wenn es meinen Kindern schlecht ging, trug ich sie auch die ganze Nacht herum. Wenn sie die ganze Nacht gebrochen haben, litt ich mit ihnen, ich wollte dass es ihnen gut geht. Ich habe mit ihnen Lego und Playmobil gespielt... aber ich fand das alles entweder anstrengend, stressig, langweilig, doof usw.

Ich habe es gemacht, weil es nicht anders ging, nicht weil ich es gern gemacht habe. Ich tat es bestimmt aus Liebe, aber nicht weil ich solche starken, wundervollen Muttergefühle hatte und es mich erfüllt hat diesem kleinen Menschen zu zeigen, wie man Legosteine stapelt. Für vieles hätte ich lieber jemanden engagiert.

In dieser Zeit fühlte ich mich oft falsch in meiner Rolle als Mutter. Denn jede Frau hat Muttergefühle zu haben. Und wenn man keine hat, oder sie anders sind, als die der Allgemeinheit, dann ist man irgendwie falsch, das hat es noch nie gegeben.

Das ist unnormal. Und ich war ein Häufchen Elend.


Bis ich eines Tages so mies drauf war, dass ich meine höchste Schmerzgrenze erreicht habe.
Und nur noch eine Entscheidung treffen konnte.
Und zwar, meinen Fokus zu verlagern.
Ich habe mich entschieden, alles was mir nicht gut tat, loszulassen.

Ich wollte diesen Druck-Langeweile-Eile-Anstrengung-Sorgen-Stress-Cocktail nicht mehr trinken.

Davon wurde mir nur schlecht und manchmal musste ich danach die ganze Nacht kotzen.

Ich wußte, ich muss akzeptieren, dass ich Mutter bin.

Auch wenn meine Muttergefühle nicht so stark ausgeprägt sind wie bei anderen. Oder wahrscheinlich doch, nur entsprach ich nie dem Bild der typischen Mutter (nur: wer entscheidet wie eine Mutter zu sein hat?)
Vielleicht war ich nicht die typische Mutter, weil mein Ego zu sehr ausgeprägt ist/war.
Zum Glück, denn genau dieses Ego hat mich dazu gebracht, mein Leben zu retten.

Ich finde es befreiend, dass es das Thema "Regretting Motherhood" aufgekommen ist.
Es ist gut, dass sich jemand diesem Mutter-Tabu-Thema annimmt und darüber berichtet wird.

Es gibt Frauen, die wissen, dass sie keine Kinder haben wollen, sie stehen zu ihrer Meinung und sind so stark, diese Meinung vertreten zu können, sie stellen sich nicht in Frage.

Aber es gibt ebenfalls Frauen denen es nicht klar ist, sie bekommen ein Kind und sind das schwarze Schaaf jeder Krabbelgruppe weil sie anders fühlen, weil ihre Muttergefühle gar nicht oder nicht so stark ausgeprägt sind.
Weil sie lieber arbeiten gehen würden, als mit dem Kind zu Hause zu sitzen. Genau diesen Satz habe ich mal gegenüber einer Mutter, die ich vom Babyschwimmen kannte, fallen gelassen.
Sie war entsetzt: "Weißt du was du deinem Kind damit antust? Das darfst du nicht!"
Ich fühlte mich....
Genau. Ich war ein Alien.

Vielleicht kommen manche Frauen mit einem Baby einfach nicht gut klar.
Für diese Frauen ist es schön, zu erfahren, dass sie das fühlen dürfen. Dass sie nicht "falsch" sind.
Dass dieses Thema endlich in den Medien angekommen ist, nimmt vielen Frauen den Druck.

Ich bin froh, dass ich mich anpassen konnte, ich sehe es als eine Lektion.
Es fiel mir schwer, mich in der Mutterrolle wiederzufinden, ich habe mich richtig dagegen gewehrt.

Heute bin ich unglaublich froh, meine Kinder bekommen zu haben und diese, für mich schwierige Zeit, erlebt zu haben.
Ich weiß, dass mich das Leben damit etwas lehren wollte, auch wenn es verworren ist und nicht klar auf der Hand lag.
Ich habe für mich das Beste daraus gemacht, aber während dieser Zeit hätte ich liebend gern darauf verzichten können.

Ich bin kein Opfer der Mutterschaft

Die Kinder haben mich gelehrt, selbstbewusst zu meinen Gefühlen zu stehen.
Sie haben meinen Egoismus weicher geklopft.
Und vor Allem: sie haben mich gelehrt, mich nicht als das Opfer anderer zu sehen. In diesem Fall, als Opfer der Mutterschaft.
Sie haben mich gelehrt, dass ich doch ein Paar Muttergefühle habe. Ich habe sie nur später entdeckt.



Nach all dem was ich empfunden habe, ist mir klar, dass es Frauen geben wird, die eine Mutterschaft bestimmt als noch negativer, als ich es tat, empfinden.
Frauen, die mit der Mutterrolle überhaupt nicht klar kommen.
Oder keine Notwendigkeit sehen, ein Kind zu bekommen.
Gut so, ich finde, nicht jede Frau muss Kinder bekommen.
Endlich kommen all diese Frauen zu Wort, sie bekommen die Möglichkeit offen darüber zu sprechen.
Wie gut, dass wir in so einer Gesellschaft leben!

Ich hoffe, dass es bald völlig normal sein wird, als Frau zu sagen "Ich will keine Kinder." Heute ist es noch ein Tabu-Thema und löst sogar Empörung aus, aber das wird sich ändern, der Prozess hat bereits angefangen.
Ich vergleiche es gern mit anderen Tabu-Themen.
Ich meine, noch bis vor ein Paar Jahrzehnten gab es keine Schwulen auf der Welt. Und wer doch aus Versehen schwul war, war nicht normal. Gut, dass wir darüber hinaus sind!

Einen Auszug aus der Studie gibt es HIER.



6 Kommentare

  1. Das letzte Bild ist zum Heulen schön. Die anderen auch. ;)

    Ich habe mich früher oft gefragt, ob ich eine"gute" Mutter bin und ob diese Aufgabe nicht eine Nummer zu groß für mich ist. Mütter untereinander können ja auch recht... speziell sein. Und wirklich Rückhalt untereinander habe ich da nicht erlebt. Im Nachhinein war und ist es eine der schönsten Aufgaben überhaupt und ich habe verdammt viel von meinem Sohn gelernt und tue es noch. ;)


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  2. Schwieriges Thema, offene Worte. Mir ist es ähnlich gegangen und ich dachte in der Zeit, nur ich sei so. Bin ich aber scheinbar nicht.
    Überforderung, Frust, Langeweile, das Gefühl, nicht dem normalen Mutterbild zu entsprechen. Der Wunsch, noch ich sein zu dürfen, der in den ersten Jahren nie erfüllt wurde. Zu wissen, das ich viel aufgeben musste.
    Heute bin ich froh, dass ich nicht wusste, was auf mich zukam, denn ich hätte mich vielleicht anders entschieden. Jetzt, wo ich wieder viel freier bin und die Zeit mit meinen inzwischen "großen" Kindern sehr viel mehr genießen kann, möchte ich es nicht anders haben, als es ist. Aber ich sehne mich auch nicht zurück nach den ersten Jahren.
    LG Andrea

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  3. Ich denke, es geht vielen Frauen so - nur sagen es viele nicht. Was habe ich mich geschämt, als ich nach der Geburt von Tochter, groß, im Krankenhaus nach einem kurzen Spaziergang in das Schwesternzimmer zurückkam und mein eigenes Kind unter ungefähr zehn andern nicht zweifelsfrei fand und auf das Namensschild gucken musste, um sie zu identifizieren. Ging gar nicht. Das sagt einem doch der Mutterinstinkt.... papperlapapp. Mir hat der gar nix gesagt. Heute lache ich über die Geschichte, damals konnte ich das nicht. In Sachen Babyolympiade hatte ich da schon haushoch verloren und habe das auch nie wieder eingeholt. Meine Kinder mussten ohne Krabbelgruppe, ohne Pekip und ohne Babyschwimmen aufwachsen. Ich habe - gearbeitet. Schrecklich. Mir geht es wie Andrea. Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, weiß ich nicht, ob ich mich für Kinder entschieden hätte. Aus beiden sind ganz entzückende junge Damen geworden. Ich liebe sie wie sonst niemanden. Und trotzdem wünsche ich mir die ersten Jahre wahrlich nicht zurück.
    Liebe Grüße
    Fran

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  4. Mir ging es genauso. Ich habe es aber damals auf mein Alter geschoben, ich war 18 als mein Sohn zur Welt kam und ich wusste mir nichts anzufangen. Meine Familie hat mich im Stich gelassen und mich schief angeschaut wenn ich um Hilfe bat, da kamen nur so blöde Ansagen wie: na du bist ja auch noch viel zu jung, aber geholfen hat mir keiner. Eine Mutter weiß doch was man machen muss tztztztztz. Im Krankenhaus hab ich mein Kind auch nicht erkannt, musste auch erst schauen welcher mir gehört. Wie oft habe ich es bereut das Baby bekommen zu haben. Schlimme Zeiten. Jetzt ist er 24 und wir haben das beste Verhältnis, das man sich vorstellen kann, aber bis wir dahin gekommen sind ist viel Zeit vergangen - leider. Ich bereue es oft, dass ich eine so, meinen Augen, schlechte Mutter war und würde die Zeit oft gerne zurückdrehen.

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  5. Ich fand die ersten drei Jahre mit meiner ersten Tochter im zarten Alter von Anfang 20 auch nicht wirklich toll (ehrlich: schrecklich!!). Meine Freundinnen haben alle noch studiert oder gearbeitet, mein Mann war selbst noch im Studium, ich konnte gerade meins noch beenden. Ich war den ganzen Tag alleine zuhause, hatte niemanden, der mir mal das Kind abnahm (das dann auch noch im Winter früh um 5 Uhr WACH war und es aber noch drei Stunden dunkel draussen war), weil mein Mann einfach so viel fürs Studium tun musste. Ich war so erschöpft, dass ich nach dem Abstillen nach knapp 8 Monaten spontan, unterstützt von meinem Mann, eine einwöchige Reise mit meiner Freundin auf eine Insel weit weg buchen "durfte". Ein Highlight, das auch heute nach über 20 Jahren noch präsent ist. Einfach mal im Bett liegen bleiben und noch wenig lesen und selbstbestimmt aufstehen dürfen - ein Traum. Ich war einfach viel zu jung, mich haben die anderen Mütter in der Krippe überhaupt nicht ernst genommen und die organisierten Kaffeeklatsch-Nachmittage (damit man wenigstens ein bisschen Sozialkontakt hatte) habe ich dann mit sinnlosen Gerede über Kinderklamotten, Kuchenrezepte und Lauffortschritte der Pampersrocker überstanden. Bei meinem zweiten Kind bin ich dann acht Wochen nach der Geburt wieder Vollzeit arbeiten gegangen, mein Mann blieb fast zwei Jahre zuhause. OOOOOOHHHH!! Was für ein Frevel (zu der damaligen Zeit), der Mann mit einem guten Job bleibt einfach zuhause, damit die MUTTER VON ZWEI KINDERN ihrer Selbstbestimmung hinterher kommen kann!!! Was war ich für eine schlechte Mutter!!! Und heute: ganz ehrlich, manchmal tun mir die Frauen sogar ein bisschen leid, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden, weil für mich Familie ein unvergleichbares Geschenk ist, meine beiden Mädels - ich kann es mir nicht ohne sie vorstellen, was haben sie uns bereichert, immer das Haus voll von Kindern bzw. jungen Erwachsenen, man bleibt automatisch jung ;)) Und ich habe irgendwann dann doch MEIN Leben gefunden. Vielleicht ist das einfach ein gesunder Prozeß! Heute ist die Welt in Ordnung und es ist wie mit den Wehenschmerzen: man vergisst, wie das war, wie vieles "weh" getan hat, man ist einfach nur dankbar....

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  6. Wow!

    Danke, Doro.
    Sehr, sehr stark.
    Und liebevoll. Du.

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